Rundbrief Sommer 2019

Liebe Freunde der Haiti Kinder Hilfe,  

Dieses Jahr bekommen Sie den ersten Rundbrief sehr spät: mitten im Sommer!  Das hat verschiedene Gründe, unter anderem solche, die mit der Entwicklung unserer Projekte in Haiti zu tun haben. Es hat sich viel getan seit dem letzten Rundbrief!

Nach unserer Rückkehr aus Haiti im Februar gab es sehr viel innerhalb des Vorstands zu besprechen, zu bearbeiten und zu entscheiden. Auch mit unserem Team in Haiti mussten wir viel organisieren. Wir sind um die modernen Kommunikationsmittel sehr dankbar, die uns ermöglichen, so gut und zeitnah mit allen möglichen Personen in Haiti in Kontakt zu sein, so dass eine gute Arbeit möglich ist.

Wie im vergangenen Jahr sind viele unserer jungen Leute im Laufe der letzten 12 Monate flügge geworden – mehrere in der ersten Hälfte von 2019. Alle mit einer fertigen Berufsausbildung, die meisten entweder mit einer festen Stelle versehen oder mit einem kleinen selbständigen Business. Es sind  schöne Erfolge, über die wir uns freuen und auf die wir stolz sind.

Während unserer diesjährigen Reise haben wir vieles getan, um vorzubereiten, was nach diesen Jugendlichen  kommen soll. Alle jungen Frauen im Mädchenheim stehen ab dem Sommer 2019 auf eigenen Füßen, so dass für dieses Haus eine neue Nutzung festgelegt werden musste.

Im Jungenheim wohnen noch 9 Jungs zwischen 17 und 24, die uns auf jeden Fall noch eine Weile brauchen. Drei davon stecken gerade voll im Abitur.

Wir haben eine Lösung gefunden, die uns begeistert und hoffentlich bei unseren Mitgliedern und Unterstützern Zuspruch finden wird: Unser Mädchenheim wird ab Anfang Juli ein Heim für Straßenkinder sein und ca. 25 dieser Ärmsten der Armen unter den Kindern Haitis beherbergen können. Vielleicht haben Sie den diesjährigen Film auf unserer Webseite angeschaut, dann haben Sie in dem letzten Abschnitt Schwester Paésie „kennengelernt“. Sie wird dieses neue Heim in dem Haus unseres bisherigen Mädchenheims leiten.

Neben mehreren anderen Projekten für Slumkinder betreibt diese tatkräftige französische Nonne in einem kleinen  Häuschen in Cité Soleil, dem größten Slum von Port-au-Prince, ein Heim für Straßenkinder. Das Häuschen in Cité Soleil beherbergte 13 Kinder und platzte aus allen Nähten und es war bisher unmöglich, weitere Kinder aufzunehmen, obwohl der Bedarf sehr groß ist.

Alle diese Kinder haben auf der Straße gelebt, ohne festen Schlafplatz. Sie bettelten oder versuchten irgendwie an Essen zu kommen. Alle haben Schlimmes erlebt. Meistens brachte dann jemand sie zu Schwester Paésie. Sie haben uns ihre Geschichte erzählt und mancher brach in Tränen aus, als er uns erzählte, dass er da bleiben durfte. So überwältigend ist für diese kleinen Kinder (manche sind erst 6 Jahre alt) die Erfahrung, ein Zuhause zu haben.

Am ersten Juli war die Übergabe und am zweiten sind die ersten 19 Jungs eingezogen. Nach ein paar Tagen kamen noch sechs dazu, alle Vollwaisen, alle bisher ohne feste Bleibe und auf der Straße lebend.

Die HKH hatte noch alle Betten der zwei Wohngemeinschaften und alle Betten der Mädchen, so dass jeder ein Bett vorgefunden hat —eine vollkommen ungekannte Erfahrung für diese Kinder, die, wenn sie Glück hatten, ein Stück Karton erwischen konnten, um sich nachts auf dem Bürgersteig drauf zu legen. Francis, unser französischer Volontär, beschrieb uns ihre Freude als sie ihr neues Heim erkundeten. Sie nennen es im Moment „das große Haus“.

Nicole, die letzte Bewohnerin des Mädchenheims, die gerade Abitur macht, ist 23 Jahre alt (wie die meisten „unserer“ Kinder ist sie sehr spät eingeschult worden und hat zusätzlich durch das Erdbeben ein Schuljahr verloren). Sie ist vorerst zu ihrer Schwester gezogen, aber für sie wird ein Zimmer gesucht und sie wird als Externe natürlich weiter begleitet und gefördert werden. Sie wird eine Ausbildung machen und dieselbe Hilfe beim Start ins unabhängige Leben bekommen wie alle anderen.

Das Büro der HKH ist vom Mädchenheim ins Heim der Jungs umgezogen. Die Verwandlung des Mädchenheims in ein Heim für Straßenkinder  ist eine große Veränderung und hat einiges an Organisation und viel Arbeit mit unserem Team bedeutet, aber auch viel Freude.

Im großen Waisenheim in Cap-Haitien sind große, neue, sehr schöne Häuser gebaut worden (finanziert von Action5, einem international tätigen Verein). Sie werden nach und nach von Kindergruppen mit ihren Betreuern bezogen. Wir haben alle Erzieher, die die HKH bezahlt, einzeln getroffen. Sie sind nett und  engagiert. Unserer Meinung nach legen sie aber zu viel Wert  auf die schulischen Leistungen. Sie sind mehr mit der Hausaufgabenbetreuung beschäftigt als mit anderem. Dafür sind immer wieder junge Volontärinnen aus Frankreich da, die sich um die Freizeitgestaltung sehr gerne kümmern. Die Schule, die zu dem Waisenheim gehört, nimmt zusätzlich zu den Heimkindern auch  um die 300 Kinder aus den Slums und Armenvierteln auf und ist wirklich gut. Besser als sehr viele Schulen in Haiti. Die Ergebnisse der Staatlichen Prüfungen fallen entsprechend positiv aus. Die Schüler, die nach der 9. Klasse ins Gymnasium geschickt werden, haben keine Probleme zurecht zu kommen und sind recht erfolgreich. Das ist in Haiti nicht selbstverständlich. Viele Schulen für arme Kinder sind sehr schlecht und bereiten die Kinder nicht gut auf weiterführende Schulen vor.

Zum Waisenheim gehört ein großer Garten, der von 2 Gärtnern bewirtschaftet wird. Das meiste Obst und Gemüse, das die Kinder bekommen, stammt aus diesem Garten. Auch Schweine und Hühner sind da.

 

 

 

 

 

 

Das Heim in Cap-Haitien, in dem Schwester Godelieve arbeitete, ist Ende Juni geschlossen worden. Die Stiftung, die es hauptsächlich finanzierte, will keine Angestellten mehr in Haiti haben: zu gefährlich ist das leben dort geworden —vor allem für Weiße— und dies auch in Cap-Haitien. Das ist eine neue Entwicklung, denn bisher war fast nur die Hauptstadt betroffen.

Die HKH hat sehr geholfen, die guten Lösungen, die Marie-Catherine und Schwester Godelieve für die Kinder gefunden oder ausgearbeitet hatten, in die Tat umzusetzen, so dass beide zwar mir schmerzendem Herzen aber beruhigt gehen konnten. Beide werden erst einmal in Europa bleiben und wissen nicht, ob sie wieder nach Haiti gehen. Das letzte Jahr war sehr schwierig für sie und trotz der zwei bewaffneten Wächter, die sie angestellt hatten, wussten sie sich immer wieder in Lebensgefahr.

In Cap-Haitien ist auch Hervé, der in den Heimen der HKH aufgewachsen ist und Medizin studiert hat. Er ist nun seit einigen Jahren fertig und hat sich stetig ehrenamtlich in der Behandlung von benachteiligten Menschen engagiert.  Mit der Ausbildung von Krankenschwestern hat er nur sehr wenig verdient und hat es schwer gehabt, sich und seine Familie:  Frau und  Tochter zu ernähren.

Seine Kompetenz, seine Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft, seine Arbeit in der Aus- und Fortbildung von Krankenschwestern wurden sehr geschätzt. Dadurch hat er jetzt eine große Chance bekommen: die beste Privatuniversität von Cap-Haitien hat ihn als Leiter einer neuen kleinen Fakultät für Labormedizin angestellt. Er hat jetzt sein Auskommen, auch wenn es Monate gibt, in denen der Lohn nicht oder verspätet bei ihm ankommt. Das ist in Haiti in diesem Bereich leider oft der Fall. Er baut außerdem Räume für seine Private Praxis mit einer Summe, die ein deutscher Arzt, der ihn durch die HKH kannte, ihm dafür vererbt hat. Da will er auch arme Leute umsonst behandeln.

Die „Externen“ gedeihen sehr gut. Es sind Kinder, die bei ihren Eltern oder Verwandten leben – und bei den älteren manchmal zusammen mit gleichaltrigen in einer Art WG – denen die Haiti Kinder Hilfe Schule oder Ausbildung  bezahlt und denen sie manchmal auch Lebensmittel bringen lässt. Die zwei jüngsten kommen im September auf die „große Schule“ in die erste Klasse. Ein 10-jähriger, der gerade die vierte Klasse beendet hat und im September mit der fünften anfängt, ist seit er in die Schule kam Klassenbester.

Von den „Großen“ hat gerade ein Mädchen ihr Studium der Verwaltungswissenschaften beendet, eine andere fängt ein Informatikstudium an. Manche stehen kurz vor dem Abitur.

Die von der Taubertäler Hilfsgemeinschaft gebaute und stetig unterstützte Schule Luzia Academy hat ein neues Gebäude bekommen in dem die neu eröffneten Klassen untergebracht sind. Zwischen dem ersten und diesem neuen Gebäude ist der Pausenhof überdacht, damit die Kinder im Schatten spielen können.

Heuer hat die Schule ein 8. Schuljahr eröffnet und hofft nächstes Jahr das 9. eröffnen zu können. Der Computerraum ist jetzt gut bestückt und viel gebraucht.

Die Haiti Kinder Hilfe bezahlt die Lehrer und hat außerdem seit letzten Sommer eine neue Methode für den Mathematikunterricht eingeführt: die Singapur-Methode. Während der Sommerferien haben wir für die Lehrer eine Reihe Fortbildungskurse organisiert.

Im Rahmen von Healing Hands for Haiti, einer amerikanischen Organisation, die eine gute Orthopädische Klinik in Port-au-Prince hat, verhilft seit 2018 die HKH Kindern und Jugendlichen aus armen Familien zu Prothesen, Orthesen oder orthopädischen Behandlungen. Viele Familien können in Haiti ihren Kindern keine medizinische Behandlung bezahlen. Ein Kind, das z.B. einen Klumpfuß hat, ist dann fürs Leben behindert, obwohl es gute wirksame Behandlungsmethoden gäbe.

Wir haben Anfang des Jahres die Kinder und Jugendlichen gesehen, für die wir 2018 die  Kosten übernommen hatten. Das war ein schönes Erlebnis. Nur ein Mädchen konnte noch nicht behandelt werden, weil ihr Fall so kompliziert ist, dass man auf den geeigneten amerikanischen Chirurgen wartet. Allen anderen geht es sehr gut.

Healing Hands hat uns 2019 eine ganze Reihe „neuer“ Kinder vorgestellt und wir haben zugestimmt: die HKH wird ihre Behandlung oder ihre Prothese bezahlen.

Healing Hands beschäftigt eine Sozialarbeiterin, die sehr sorgfältig die Familienverhältnisse überprüft und uns nur diejenigen vorstellt, die sonst keine Chance hätten.

 

 

 

 

 

 

 

Dem Land Haiti geht es im Moment schlecht.

Seit November 2018 gibt es immer wieder Zeiten, in denen in den Städten—vor allem natürlich in der Hauptstadt— niemand sich auf die Straßen traut. Es ist lebensgefährlich. Schulen, Geschäfte, Ämter, Kirchen, Märkte… alles ist geschlossen. Blutige Demonstrationen finden statt, es wird geschossen. Das ist eine Reaktion auf die Korruption, auf  ungeheuerliche Skandale, in denen Politiker verschiedener Regierungen über Jahre insgesamt Milliarden, die dem Volk hätten zugutekommen sollen, entwendet haben. Das Leben wird immer teurer, die Haitianische Währung, die Gourde, ist immer weniger wert. Das Volk ist verzweifelt und sieht keinen anderen Ausweg als die Revolte. Die Gewaltbereitschaft ist groß. Viele Menschen haben nichts mehr zu verlieren.

Man könnte verzweifeln, aber dennoch gibt es Grund zur Freude und zur Hoffnung. Und Grund zur Dankbarkeit Ihnen gegenüber, liebe Unterstützer der Haiti Kinder Hilfe.

 

Zum Beispiel:

  • wenn ein junger Mann aus unserem Heim, der Schneider gelernt hat, mit viel Freude eigene Kreationen entwirft und noch bevor er die Endprüfung seiner Ausbildung absolviert hat, fast genug Kunden hat, um sein Auskommen zu haben,

  • wenn eine im Heim aufgewachsene junge Frau Obstkuchen und Marmelade kocht, sie auf einem kleinen Straßen-Stand aber auch in verschiedenen Restaurants und Hotels verkauft und davon leben kann,
  • wenn kleine Jungs noch nach Tagen kaum glauben können, dass sie ein Dach überm Kopf, ein eigenes Bett, jeden Tag genug zu essen haben und sogar zur Schule gehen dürfen,

 

wenn Jugendliche Abitur machen und sich eine Ausbildung aussuchen können, die ihren Begabungen entspricht,

  • wenn ein kleines Mädchen, das wegen einer angeborenen Verformung des Knies bald nicht mehr laufen könnte und ihr Leben lang gehbehindert sein würde, operiert wird und danach ein Jahr lang Krankengymnastik hat, so dass sie ganz normal wird laufen, springen, tanzen können,
  • wenn Kinder spielerisch und mit viel Freude zählen und rechnen lernen,

wenn Kinder, die keine Eltern mehr haben und im Heim leben, gute Betreuer und Erzieher haben, zu denen sie eine enge Beziehung aufbauen können und die für sie wichtige Vorbilder sein können……..

 

 

 

 

 

Bitte unterstützen Sie uns weiter, damit trotz der so widrigen Umstände haitianische Kinder und Jugendliche eine Chance bekommen auf ein besseres Leben .

Auf unserer Homepage können Sie den diesjährigen Film sehen, der all das in diesem Rundbrief Erwähnte mit vielen lebendigen aktuellen Bildern zeigt.

Mit herzlichen Grüßen 

Für den Vorstand 

Claire Höfer,   Monika Hofmann,   Alois Vogg